Amilovesgurumi

Osterhasen

Auf meinem gestrigen Spaziergang hörte ich plötzlich sonderbare und kaum vernehmbare Geräusche aus einem Busch. Jemand lachte und kicherte und dann wiederum hörte ich andere Stimmen, die eine Melodie summten. Ich bog die Zweige des Busches beiseite und da sah ich sie: Kleine, kunterbunte Hasenkinder beim Spielen.

Sofort huschten sie in alle Ecken davon. Es dauerte aber nicht lange und sie kamen aus ihren Verstecken hervor und beäugten mich. Ich beugte mich langsam zu ihnen hinunter, um sie nicht wieder zu vertreiben.

„Liebe Häschen, was macht ihr denn hier so ganz allein?“
„Nur damit du es weißt“, ertönte da eine bissige Stimme hinter mir, „wir sind nicht allein und außerdem sind wir Osterhasen.“
Ich drehte mich um und sah den grünen Hasen, ähm Osterhasen, auf mich zuhüpfen. Seit der letzten Geschichte mit Schlumpfine wundere ich mich übrigens nicht mehr so schnell.
„Aha, also Osterhasen, verstehe, und ich bin …“,
Gerade als ich mich vorstellen wollte, übertönte ein schrilles Klingeln meine Worte und die Häschen hüpften davon.

„Hey, wartet doch, wo geht ihr denn alle hin?“, rief ich ihnen hinterher. Der pinkfarbene Osterhase drehte sich zu mir um.
„Wir müssen zurück in die Schule! Aber wenn du magst, kannst du mitkommen.“

Natürlich wollte ich die Schule sehen. Wir durchquerten gemeinsam ein Feld und dahinter sah ich sie: die Hasenschule und mittendrin stand der Lehrer – mit eisernem Blick und mit verschränkten Armen.

„Wer war das, wer hat diesen Menschen hier mitgebracht?“ Der Lehrer sah seine Schüler streng an. Die Häschen waren mucksmäuschenstill geworden. Niemand meldete sich.
„Nun gut, das werde ich noch herausfinden. Zur Strafe muss die ganze Klasse eine Stunde länger hier bleiben!“

Dann sprach er zu mir und fixierte mich mit seinen eiskalten Augen.
„Wir haben in Kürze Unterricht und ich verabscheue es, dabei gestört zu werden. Bitte verlassen sie sofort das Gelände, sonst muss ich leider deutlicher werden.“

Ehrlich gesagt, nun wurde ich doch ein wenig unruhig. Sein Blick und seine Haltung verrieten mir, dass er ein nicht zu unterschätzender Gegner sein könnte. Können Osterhasen beißen und welche Kampftechniken wenden sie an? Diese Fragen beschäftigten mich. Ich musste mir also etwas einfallen lassen, denn ich war neugierig und wollte wissen, was hier so vor sich ging.

„Lieber sehr geschätzter wohlverehrter Herr Direktor“, begann ich und sah sofort, dass sich der Lehrer geschmeichelt fühlte. Da wusste ich, was ich sagen musste, um halbwegs heil aus der Geschichte wieder herauszukommen: Ich würde den Lehrer an seiner Eitelkeit packen.

„Ich bin heute hier, um ihnen die Rolle eines Botschafters zu übertragen, sehr außerordentlich hochachtbarer Herr Oberdirektor. Die Menschen auf der ganzen Welt möchten mehr über ihre Arbeit und ihr Werk erfahren“, flunkerte ich, ohne rot zu werden.


Der Lehrer überlegte lange, doch schließlich beugte er sich vor und sagte kurz und zackig: „Junge Frau, ich erkläre mich dazu bereit und übernehme gerne das mir übertragene Amt eines Botschafters.“

In meinen Gedanken jubelte ich, es hatte funktioniert, jetzt nur noch schnell ein paar Fragen stellen und dann nichts wie weg von hier.
„Darf ich zuerst ein paar Fotos machen?“, fragte ich.
Der Lehrer strich sich seine Ohren glatt und stellte sich dann in Position. Ich fotografierte ihn, die Schule und die Schüler mit meinem Handy und danach begann ich mit dem Interview:
Ich: „Könnten sie sich und ihre Arbeit kurz vorstellen?“
Der Lehrer: „Ich bin Lehrer und praktischer Ausbilder für Osterhasen. In meiner Schule unterrichte ich Sport, Mathematik, Kunst, Geschichte und Pflanzenkunde.“
(seine Augen funkelten und wahrscheinlich erfüllte ich ihm mit diesem Interview gerade seinen heimlichen Traum).
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Ich fuhr fort.
Ich: „Wie lange dauert die Ausbildung zum Osterhasen?“
Der Lehrer: „Bis aus einem gewöhnlichen Hasen ein Osterhase wird, dauert das ca. 2 Jahre. Im ersten Jahr lernen die Kleinen alles über die Entstehungsgeschichte und die verschiedenen Mythen.
Sie erfahren viel über Pflanzen und ihre Heilwirkungen und wir beginnen mit ersten mathematischen Übungen. Im zweiten Jahr ist Kunst ein Hauptfach, schließlich müssen die Eier schön bemalt werden. Außerdem haben die Hasen …“

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An dieser Stelle unterdrückte ich ein Gähnen. Nicht ist langweiliger als ein Interview mit einem eitlen Hasen. Aber er quasselte und quasselte und irgendwann schaltete ich ab.

Nach einiger Zeit – gefühlte zwei Stunden – hatte er mir alles über sein Leben, sein Werk und über die Osterhasen erzählt. Leider hatte ich nicht sehr viel davon mitbekommen. Ich musste daher sehen, dass ich schleunigst von hier verschwand, bevor er auf die Idee kam, mir ein paar Fragen zu stellen.

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„Ich danke ihnen, sehr hochverehrter Direktor und Botschafter. Das war ein wunderbares Interview und ist von unschätzbarem Wert für das Verständnis zwischen Osterhasen und Menschen und …

Sofort unterbrach er mich.
Was sagten sie doch gleich nochmal, welche offizielle Stelle hat sie hierher geschickt, um mich als Botschafter zu interviewen?“
„Ähm“, (oh mein Gott, was sollte ich jetzt sagen) doch dann platzte es aus mir heraus: „Das vereinigte Köngreich von Amilovesgurumi.“
Er schaute mich voller Skepsis an, gab sich aber vorerst zufrieden mit dieser Antwort. Ich wusste, lange konnte ich die Fassade nicht mehr aufrecht erhalten.

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„Sie können mich jederzeit besuchen, ich habe noch so einiges zu erzählen“, sagte er und streckte mir seine Pfote entgegen. Ich ergriff die Pfote, lies sie aber gleich darauf wieder los. Es fühlte sich einfach zu unheimlich an.

Er wollte mich noch etwas fragen, aber ich kam ihm zuvor und verabschiedete mich überstürzt. Dann machte ich mich schnellstens aus dem Staub. Die Hasenkinder winkten mir noch lange hinterher. Was für ein Nachmittag! Also, wenn ihr jemals sonderbare Stimmen hinter einem Busch hört, dann könnte es sein, dass ihr den Osterhäschen begegnet. Grüßt dann alle schön von mir, aber passt auf was ihr sagt, wenn der Lehrer nach mir fragt! 🙂

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Die Anleitung für die Häschen: Häschen-Schüler
Die Anleitung für den Lehrer: Häschen-Lehrer

 

10 Gedanken zu „Osterhasen“

  1. Danke, liebe Hannah. Ich freue mich, wenn ich Erinnerungen an deine Kindheit wecken kann. Ich hatte als Kind zu Ostern eine kleine Geschenkdose bekommen über die ich mich sehr gefreut habe und auf dem Deckel waren viele kleine und bunte Osterhasen aufgemalt. Fast so, wie in meiner Geschichte. Diese Dose werde ich nie vergessen, sie war damals eines meiner „Heiligtümer“.

  2. hallölle!
    hach ist die geschichte schön! wo fällt dir sowas nur ein? *neidisch guck*
    mir fiel dabei ein gedicht ein was meine mutti immer zur osterzeit aus dem gedächtnis kramte.
    ist schon sehr lang her und ich kann mich nur noch daran erinnern das die hasenkinder in der schule eier in rot, grün und blau bemalten und einer tolpatschig war und die farbe verschüttet hat. gelernt hat sie das gedicht so 1938/1940 rum. vielleicht weiß irgendeine omi noch wie das hieß oder von wem es war/ist. würde mich freuen es zu erfahren.
    nun aber zu deinen hasenkindern! ich find die total süß und werd sie 200% nacharbeiten. tolle osternestzugabe.
    netten gruß biene

    p.s. ich bin ein notorischer kleinschreiber und steh dazu! ^ . ^

    1. Hallo Biene, das wird bestimmt ein schönes Osternest mit den kleinen Häschen. Viel Spaß beim Häkeln und Verschenken. Das Gedicht kenne ich leider auch nicht, hört sich aber lustig an. Habe gerade selber danach gegoogelt, natürlich ohne Erfolg, es hätte mich doch sehr gefreut, wenn ich es gefunden hätte 🙂

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